Aachen. Wer am Freitagnachmittag die Hüttenstraße in Rothe Erde durchquerte, der konnte denken, dass der berühmte Verhüllungskünstler Christo dem Aachener Osten einen Besuch abgestattet hat.

Zahlreiche Häuserfassaden waren unter Planen verschwunden. Tatsächlich handelte es sich bei dem ungewöhnlichen Anblick um den Ausläufer eines eben so ungewöhnlichen Kunstprojekts.

Für dieses zeichnete zwar nicht der berühmte Christo verantwortlich, dafür aber zwei seiner weniger berühmten «Kollegen». Designer Roger Bröchler und Fotograf Josef Snobel waren aus dem Wettbewerb zur Verschönerung der Hüttenstraße mit ihrem Konzept als Sieger hervorgegangen. Anders als bei Christo ist bei ihnen nicht die Verpackung die eigentliche Kunst, sondern das, was sich darunter befindet. Und das sollte nun unter den neugierigen Augen von über 100 Anwohnern enthüllt werden.

An der Ecke Hüttenstraße/Berliner Ring übernahm Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden diese angenehme Pflicht. «Willkommen zu einem Projekt, von dem ich auch noch nicht weiß, wie es aussehen wird», schrie Linden gegen den vorbeirauschenden Verkehr an. Auf jeden Fall solle es für die Menschen im Viertel Identität stiften, lies der OB die Spannung weiter steigen.

Dann endlich schwebte die erste Folie Richtung Erdboden. Nach kurzer Bedenkzeit ruft einer der Betrachter: «Dat is doch dr Hubät.» Das zustimmende Nicken der anderen amüsierten Betrachter bestätigt die Richtigkeit seiner These.

Eine Frau mit Kinderwagen wagte eine nicht ganz ernst zu nehmende Prophezeiung: «Das wird für Verkehrsunfälle sorgen.»

Dann wurden die großformatigen Collagen an den Mietshäusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite enthüllt. Darauf sind Gesichter zu sehen. «Mama, da bin ich ja auch drauf», staunt ein kleiner Mann mit großen Augen. Die «Prozession» zieht weiter die Hüttenstraße hinunter und enthüllt weitere Kunstwerke. Insgesamt sind an sieben Hausfassaden 14 Bilder angebracht, das größte fünf mal sieben, dass kleinste fünf mal drei Meter. Sie alle zeigen Gesichter oder Ganzkörper-Porträts von Bewohnern des Viertels.

Das Projekt geht auf eine Initiative des Stadtteilbüros Aachen-Ost zurück. Die Kosten für die rund 70.000 Euro teuren Collagen werden größtenteils aus dem Landesfördertopf «Soziale Stadt NRW» finanziert, zehn Prozent steuerte die Stadt Aachen bei.

«Wir mussten erst ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, dann war die Kooperationsbereitschaft der Anwohner aber sehr groß», beschreibt Designer Bröchler die Anfangsphase des Projekts. Die «Überzeugungsarbeit» war für die Künstler eine sehr persönliche Erfahrung. Sie besuchten die Menschen Zuhause, tranken Kaffe, aßen Kuchen und «haben auch die ein oder andere Nacht in der Kneipe durchgezecht», sagt Bröchler und lacht.


>>> Nachtrag Mai/Juni 2011
Die Verträge für die Hängungen der Motive wären in diesem Jahr ausgelaufen.
Bis auf ein Motiv dürfen alle Motive an den Wänden bleiben.
So kommen wir ja doch noch auf die 20 Jahre Hängung…